Le roi est mort, vive le roi?! Oder anders: Open Data ist out – lang lebe Open Data? Ein Interview.

Offene Daten erfreuen sich insbesondere in einem dynamischen Umfeld, z. B. wenn offene Schnittstellen genutzt werden können, weiterhin großer Beliebtheit. Neben der experimentellen Nutzung offener Schnittstellen werden auch neue Lösungsansätze und Datenpools durch Verschneidung und die Veredlung von offenen Daten geschaffen.

Statische Daten hingegen, insbesondere isolierte, singulär erhobene Datensätze erliegen schnell dem Image der Antiquiertheit. Dem gegenüber sind Verlaufsdaten hinsichtlich ihrer Analyse interessant, da diese je nach Güte Handlungsempfehlungen für die Zukunft ermöglichen (1).

Um das Interesse an offenen Daten einer breiteren Gesellschaft zu wecken, und nicht nur bei Softwareentwicklern und erfahrenen IT-Anwendern, zeichnen sich einige Trends ab. Ein Trend geht dahin, offenen Rohdaten, die als solche offen bleiben, dergestalt intelligent bereits durch die herausgebende Stelle zu veredeln, sodass auch Nicht-Experten damit arbeiten und diese analysieren können. Als ein weiterer Trend können Bestrebungen innerhalb von Großstädten und Metropolregionen genannt werden, in denen offene Daten nicht mehr nur durch einzelne Institutionen verwaltet und herausgegeben werden, sondern mehrere Institutionen sich auf einer Plattform zusammenschließen, um das Halten der Daten in sogenannten „Datensilos“ zu vermeiden (2).

Über den Stand der Technik und den Blick in die Zukunft offener Daten hat sich die rnv mit Frau Geiser des Amts für Informationstechnologie der Stadt Mannheim unterhalten.

1. Liebe Frau Geiser – vielen Dank für Ihre Bereitschaft für dieses Interview. Bitte skizzieren Sie doch kurz Ihre Tätigkeit bei der Stadt Mannheim.

Ich bin seit März vergangenen Jahres Abteilungsleiterin „Digitalisierungsstrategie“ beim Fachbereich Informationstechnologie der Stadt Mannheim. Neben der Erstellung einer kommunalen Digitalisierungsstrategie haben wir in den vergangenen Monaten nahezu 40 Projekte mit einem hohen Digitalisierungspotenzial in der Stadtverwaltung identifiziert und werden diese zusammen mit den Dienststellen der Stadt Mannheim vorantreiben. Der Gemeinderat hat unsere strategische Wertebasis, die wir gemeinsam - unter Einbezug der städtischen Mitarbeiterinnen und mittels Bürgerumfrage - entwickelt haben, sowie den Maßnahmenkatalog am 12. März 2019 verabschiedet. Jetzt werden wir unsere Digitalisierungsbestrebungen über die Grenzen der Stadtverwaltung hinaus im kommunalen Netzwerk ausweiten.

2. Wie ist denn die Historie der Stadt Mannheim im Umgang mit offenen Daten? Das Open Data Portal der Stadt (https://mannheim.opendatasoft.com/pages/home/, Anm. d. Red.) ging ja nach einem Gemeinderatsbeschluss im April 2015 noch im gleichen Jahr online. Was hat sich seitdem getan?

Aktuell werden auf dem Open Data Portal der Stadt Mannheim verschiedene Datensätze angeboten, die von den Mannheimer Bürgerinnen und Bürgern bzw. interessierten Gruppen genutzt werden können. Dabei wird eine völlig freie Deutschlandlizenz 2.0 verwendet. Die Daten sind somit frei zugänglich für jedermann. Die Weiterentwicklung dieses Portals gehört zu den Projekten, die wir im Rahmen der Digitalisierungsstrategie weiterverfolgen möchten. Natürlich gehört zu diesen Überlegungen auch, im Zuge der Weiterentwicklung weitere, neue Datensätze zu Verfügung stellen.

3. Wie schätzen Sie die Nutzungszahlen ein? Ich persönlich schmunzle ja jedes Mal über den Datensatz mit den GPS-codierten Standorten der Hundekottütenspender in Mannheim. Aber werden solche Daten auch nachgefragt?

Auch die georeferenzierten Daten von Standorten von Hundekottütenspendern können für Hundehalter bzw. Unternehmen, die georeferenzierte stadträumliche Angebote beispielsweise in Apps zur Verfügung stellen möchten, interessant sein. Im vergangenen Jahr wurden diese Informationen 167mal nachgefragt. Aber ja, auch insgesamt verzeichnen wird ein Interesse an den bisherigen Datensätzen. 8000 Interessierte im Jahr 2018 bestätigen das. Allerdings- wir sind realistisch- gibt es natürlich Potenzial nach oben. Deshalb möchten wir das bestehende Angebot überarbeiten und weiterentwickeln.

4. Wo geht die Reise denn perspektivisch hin? Smart Cities ist ein vielverwendeter Begriff, in dessen Kontext verschiedenste Bausteine der Stadtverwaltung und -planung Eingang finden. Die Sinnhaftigkeit von Open Data wird in diesem Kontext von vielen öffentlichen Einrichtungen sowie von neuen Playern in diesem Markt und auch Startups bejaht. Wie sehen Sie Konzepte wie Open Smart City, Urban Platform, Open City Platform, Urban Data Platform oder wie auch immer man diesen Ansatz schlussendlich nennen möchte?

Wir sehen den Begriff „Open Data“ allein als Plattform für Rohdaten, die das Potential zur Veredelung in Applikationen haben. Daneben gibt es die urbanen Plattformen, die es erlauben, Daten aus verschiedenen Quellen- darunter auch Open Data Portale- aufzubereiten und u.a. zu Steuerungszwecken zu visualisieren. Insoweit ist die Open Data Plattform für uns ein eigenständiges Angebot, das zunächst nicht zwingend in die von Ihnen genannten urbanen Plattformen mündet bzw. von diesen ersetzt wird.
Perspektivisch glauben wir, dass Mehrwerte für die Stadtgesellschaft eine urbane Plattform erfordern, genauso wird aber auch ein nutzerorientiertes Open Data Portal zukünftig weiter seine Berechtigung haben.

5. Sind solche Initiativen denn auch Ansätze, die die Stadt Mannheim perspektivisch oder gar kurzfristig angehen und umsetzen möchte? Leuchtturmprojekte der EU wie beispielsweise „Smarter Together“ für die Städte München, Wien und Lyon sollen ja auch „Blaupausen“ für die Übertragbarkeit der dort gewonnen Erkenntnisse auf andere Metropolregionen liefern. Dort ist das Thema „Citizen-Oriented Data Platforms“ ein elementarer Baustein des Projekts (5).

Auch in Mannheim ist eine urbane Plattform ein wichtiger Baustein der kommunalen Digitalisierungsstrategie. Sie ist daher auch unter der Bezeichnung „Digitale Stadtsteuerung (Smart City Cockpit) auf Basis einer urbanen Plattform (Smart City Information Management)“ Teil des Projektkatalogs, mit dem wir die Digitalisierung in Mannheim insgesamt voranbringen wollen.

Liebe Frau Geiser, vielen Dank für das Interview und die spannenden Einblicke!

Die Stadt Mannheim ist u.a. neben den Städten Heidelberg und Ludwigshafen Anteilseigner an der rnv (4). Diese Nähe erlaubt es den Beteiligten schnell, offen und konstruktiv nach innovativen Lösungen zu suchen. Die rnv freut sich sehr, das Thema Open Data im Kreis dieser kommunalen Partner weiter auszubauen stärker in der Region vor dem Hintergrund der skizzierten Trends zu verankern.

Das Interview führte Dr. Benedikt Krams Ende März 2019

(1) Z. B. im Kontext der Parlamentswahlen der Jahre 2005 und 2010 in Großbritannien, vgl. https://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2F978-3-642-40358-3_9.pdf
(2) Z. B. anhand der Open-Data-Region Rheinland: https://open.nrw/die-open-data-region-rheinland
(3) Vgl. https://www.smarter-together.eu/de
(4) Vgl. Geschäftsbericht der rnv 2017, S. 46: https://www.rnv-online.de/media/rnv-online.de/Unternehmen/Geschaeftsberi...